Workshopreihe: Touristification in Berlin

Tourismus und Tourist_innen sind in aller Munde heutzutage in Berlin. Das Reden über sie füllt Zeitungsartikel und Kolumnen, Veranstaltungen und Kiezversammlungen. Zu lesen oder zu hören ist dann vieles: über ihren segensreichen oder zerstörerischen Einfluss auf die Stadtteile ihres Begehrens, die neuen Clubs, Cafes und Kneipen in denen nicht mehr deutsch, sondern vor allem Englisch oder Spanisch gesprochen wird, die steigenden Mieten und der sich verknappende Wohnraum, 11 Monate leerstehende Ferienwohnungen schwedischer Bildungsbürger_innen oder informelle Apartmentbörsen findiger lokaler Wohnungsbesitzer, der Boom der Spätverkäufe und die langen Schlangen vor den Museen der Hochkultur in der Stadt.

Tourismus in Berlin hat viel Gesichter und noch mehr Akteure, er wird kontrovers diskutiert, aktionistisch polarisiert und politisch adressiert. Oft verschwimmen dabei definitorisch die Grenzen zwischen Klassenfahrten und Tagestourismus in Gruppenreisen, Easy-Jetset, Hauptstadt- und Kulturtourismus, Konferenz- und Arbeitsmigration, temporäre  Aufenthalte ohne bekanntes Ende, …kurz: alle reden vom Tourismus und niemand weiß so richtig was damit alles gemeint ist und wo etwa andere Kategorien (Migrant_innen, Flüchtlingen, Teilzeitmobile und multilocals etc.) beginnen.

Der Arbeitsbegriff Touristification versucht diesem Definitionsdilemma (das damit auch ein Analysedilemma ist) zu entkommen, indem hier erweitert nicht nur die idealtypischen Touristen der Tourismusforschung, die Tagesgäste und Urlauber in den Blick genommen werden, sondern die vielfältigen Akteure im Prozess gegenwärtiger Reisebewegungen hier in die Stadt.   Touristification ist damit ein Konzeptbegriff der sich an vielfach unbekannten, schwer kategorisierbaren Akteuren sowie den Prozessen ihrer Entstehung sowie ihrer Ab- und Anwesenheit orientiert.  Wir haben diesen Begriff aber keineswegs selbst erfunden. Er geistert vielmehr als TouristificationTourismification (sic) oder eben als Touristifizierung seit mehreren Jahren in der Stadtforschungsdebatte (Foljanty/Kappus/Pfeiffer et al. 20061; Bhandari, 20082; Wöhler 20113) herum, scheint aber bisher eher phänomenologisch denn analytisch geprägt zu sein.

„Touristification beschreibt einen Prozess, durch den bis dahin touristisch wenig attraktive Stadtteile und Orte von Touristen entdeckt und für sie erschlossen werden. Es etablieren sich monostrukturelle Ökonomien, die den zahlungskräftigen Touristen alles bieten, was sie brauchen – Cafés, Bars, Supermärkte, Souvenirshops – aber die Bedürfnisse der Anwohner vernachlässigen (…). Die Geschichte der Stadt wird dabei ebenso vermarktet wie eine breit gefächerte Kulturlandschaft mit ihren Szenevierteln. Zu beobachten ist diese Touristification insbesondere in den Innenstadtbezirken Mitte und Prenzlauer Berg, zunehmend aber auch in Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln“. (von Borries 2011:161)4.

In dieser Definition bleibt es bei der Feststellung dass da wenig Attraktives erschlossen wird und sich monostrukturelle Ökonomien etablieren. Aber wie läuft dieser Prozess ab? Von wem – welche (politischen) Akteure, welche (ökonomischen) Interessen, welche Diskurskoalitionen – wird die Entwicklung voran getrieben? Und. Entsteht wirklich eine Mono-Struktur oder eher ein flexibles Gebilde zugeschriebener Coolness, jedoch mit geringer Halbwertszeit (Bsp. Clubs und Hostels)? Es ergeben sich also bei den vorliegenden Texten zunächst eher Fragen als befriedigende Erklärungen.

Auch in sozialräumlicher Perspektive sind Tourist_innen keine äußerlichen, auswärtigen  Konsumenten einer Stadt oder ihrer Stadtteile, touristischen Orten und Atmosphären. Sie produzieren vielmehr diese Räume (mehr oder weniger aktiv und bewusst) mit. Touristification ist daher auch der Name eines momentanen Zustandes, eines Produktes, eines temporäres Ereignisses der Inwertsetzung von Stadt(teilen) als touristischen Orten durch kapitalistische Alltagspraktiken. (Touristification of everyday life)

Charakter der Workshops:

Angestrebt wird eine vorstrukturierte, aber gleichzeitig möglichst offene Debatte, („niedrig schwellig und niedrig schwallig“), die von einzelnen Mitgliedern der kritischen geographie berlin vorbereitet und moderiert wird. Die Workshops Touristification gehen davon aus, dass das Thema (auch aus eigener touristischer Praxis) für alle Beteiligten an Erlebnis- und Erfahrungshorizonte anschlussfähig ist. Positionshierarchien und ‚good and evil’ – Polaritäten sollten dadurch zu bewältigen sein.

Als Ergebnis der Workshops wird – neben regen Debatten und Interaktionen – das Erstellen von Thesenpapieren der Diskussionsergebnisse angestrebt um daraus z.B. Aufsätze oder Artikel zu generieren.

Teilnehmen können alle Leute die wir über die Mailingliste ansprechen, sowie eingeladene Gäste, je nachdem ob es gelingt, Fördermittel einzuwerben (Helle Panke, Bildungswerke) wird sich die Gruppegröße anpassen müssen. (Maximal allerdings ca. 30 Personen).

Die inhaltlich-konzeptionelle Ausgestaltung und Dramaturgie der jeweiligen Workshops obliegt den jeweils verantwortlichen Organisator_innen. Die Einladung einzelner Gastreferent_innen wird angestrebt, ist aber vielleicht nicht für jeden WS zu gewährleisten oder möglich.

 

 

Themenschwerpunkte:

Daraus ergeben sich drei thematische Veranstaltungen:

  1. politische Ökonomie der Touristification
  2. Touristification – Steuerung, Akteure und Konflikte
  3. Touristische Alltagspraktiken

 

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